Ausbildung

Die ersten Tage....

Den Einberufungsbescheid habe ich nicht mehr, aber ein Schreiben das dem beilag. Verweigern wollte ich nicht. Ich wollte zwar nie auf irgendjemanden schiessen, war auch ansonsten mehr pazifistisch eingestellt, aber die Kriterien für die Verweigerung glaubte ich nicht schaffen zu können. Es war damals kaum möglich zu verweigern. Das gelang eher den Gymnasiasten, die obwohl Spitzensportler, über ihre Eltern Ärzte kannten, die Professoren kannten, die Abgeordnete kannten usw. Trotz meiner gesundheitlichen Probleme wurde ich mit zwei gemustert, den Eignungstest angesoffen locker erledigt, beim Teil mit dem IQ-Test war ich ganz gut, das müsste normalerweise zum General reichen. Irrtümlicherweise wurde ich in eine Planstelle als Panzergrenadier eingewiesen.
Was da damals schiefgelaufen war konnte bis zum heutigen Tag nicht geklärt werden.

Das wilde Haar des Anarchisten musste runter, Ohren frei Nacken eine saubere Linie. “Steht dir fei gut?” oder “musst Du zum Barras.” Das Haar war das eine, doch mein Frust steckte tiefer. Wenige Tage zuvor das Abi geschafft, verspürst du die totale Euphorie und nun bist Du am Boden, Naja, wenigstens nicht Oberviechtach wie Martl. Ob die 10 Jahre Feuerwehr von Conny besser sind?
Warum haben sie den Daschi und den Micha ausgemustert? So ein scheiß. Jaja dann mal an die Front. Im Sommer.
Einige wurden erst im Oktober eingezogen, die beneideten wir, aber fürs Studieren ist Juli besser, da war man sich einig. Hoffentlich darf man das erste Wochenende heim? Fragen über Fragen, man hörte so einiges, wenig gutes, ein bisschen Bammel hatte ich nun doch. Hemau, fern der Heimat, Oberpfalz, da wohnten doch diese Katholiken, die niemals lachten. Ich will dort nicht hin!!!!

EinberufungEs war ein Donnerstag. Den Freifahrtschein,  Einberufungsbescheid und Minimalgepäck machte ich mich auf den Weg. Die Haare kurz geschnitten, ungewohnt. Mir fielen die Türken ein, die sich während ihres Militärurlaubs bei ihren Familien in Hersbruck zeigten. Naja so schlimm wars nicht, die hatten Glatze oder einen sogenannten Bomberschnitt. Man darf nicht vergessen: kurze Haare hatten sich Anfang der 80ger noch nicht durchgesetzt.
Skins waren noch Skins und selten, die hatten keine Lust jeden Idioten, vor allem Rechte, in ihren Kreis zu lassen. Die 70ger Krankheiten waren gerade am Abklingen, die Achtziger befanden sich noch in der Inkubationsphase.
Jaja an den Haaren sollt ihr sie erkennen.
In den Abteilen machte sich eine überdrehte Witzigkeit breit, die meisten versuchten über die eigene Unsicherheit und die Angst hinweg zu witzeln, ein paar schafften dies einfach nervlich nicht, wenigen war es total egal.
In einem Abteil wurde gekifft, in einem anderen gesoffen.
Irgendwer, der zwischen beiden Abteilen pendelte, kotzte auf den Gang. Wo war ich da nur hingeraten?
Der Zug hielt an jedem Misthaufen, ständig stiegen Neulinge zu. Jeder der schon ein paar Stationen länger im Zug saß, fühlte sich den Neuzugestiegenen gegenüber wie ein Veteran. Eine beklemmende, immer unwirklicher werdende Atmosphäre machte sich breit.
In Beratzhausen musste ich raus. Für die meisten ging es weiter, nach Regensburg und sonstwohin. Wo es die Bundeswehr überall gab, darüber hatte ich mir noch nie Gedanken gemacht. Da stand nun ein verlorener Haufen von vielleicht 20 Mann. Wir wurden erwartet und mit einem olivgrünen Bus mit viel zu schmalen Sitzen nach Hemau gefahren.
Wir waren nicht die ersten, es mussten etliche mit einem früheren Zug gefahren sein.
Von da an war alles geregelt, oftmals schlecht organisiert, aber geregelt.
Die Form wurde über den Zweck erhoben, Individualität, Kreativität, freier Wille, “Multiformität”, vom Gesetz und von Gott garantiert, waren nun mehr ohne Belang. Offiziell gab es das noch, praktisch begann man es ab sofort auszumerzen. Das war wichtig, denn der Mensch, mal Soldat geworden, neigt immer noch zum Menschsein und begibt sich als solcher nicht gern in Situationen, in denen er schießen muss oder erschossen werden kann. Warten....Wir wurden geteilt, ....warten..... und auf zwei Gebäude verteilt, man bekam ein Zimmer mit entsprechenden Genossen, halt das hieß jetzt Kameraden, zugeteilt. Warten...... Sechs Mann eine Stube, jeder ein Bett und einen Spind. Warten..... Bettzeug gab es und die uniformelle Notausrüstung für die ersten Tage, den blauen Trainingsanzug und das weisse Trikot mit dem Bundesadler. Warten..... Einräumen, Umziehen, Spind zu, in den Sanbereich und auf die Antrittsuntersuchung warten. Im Lauf des Wehrdienstes wurden wir mit Druckluftpistolen massengeimpft, unhygienisch bis zum Geht-nicht-mehr, egal ob du schon einen Schutz hattest oder nicht. Ich wurde 3 mal gegen Tetanus, davon einmal mit Vollschutz (3Spritzen) geimpft und mindestens einmal gegen Pocken und sonstigen Scheiß infiziert. Was die uns sonst noch gegeben haben, gegen unseren Willen, möchte ich gar nicht wissen.
Wir waren dann alle immer total platt und hatten so komischen Husten.....


Stabsdienst

Meine Einheit bildete Stabsdienstler und Militärkraftfahrer aus. Der LKW-Schein war natürlich erste Wahl, der Motorradschein mit der Ausbildung im Gelände besaß auch noch einiges Ansehen, beknackt war den 3er nochmal machen zu müssen.
Die Paria waren die Stabsdienstler ohne weitere Fachausbildung, die machten Stabsdienst und Grüne Ausbildung, jeweils 6 Wochen. Ich war so einer. Die Augen! Da war ein Führerschein einfach nicht drin.
Auf meiner Stube waren allesamt gerade Kerle. Einer, aus Selb, wenn ich mich richtig entsinne, kam mir etwas trottelig vor. Er war unsicher und versuchte lustig zu sein, so halb, damit er umschwenken konnte, falls er eine ernste Situation mal falsch eingeschätzt hatte. Dann Christian H. ein Regensburger mit dem komischen Pfälzisch-bajuwarischen Hochdeutsch, feiner Kumpel, wollte mal Regisseur oder Kameramann werden.
Ein rotbackiger Niederbayer, ich glaub aus Leiblfing, war zwar Karateka mit braunem Gürtel, aber sehr nett und friedlich. Ein lustiger Kerl.
Josef R. hatte Gleichgewichtsstörungen und eine (spastische?) Sprachstörung. Ein Pfälzer aus Pfreimd war dabei, mit deutlich sichtbarer seitlicher Rückgratverkrümmung. Warum sie die beiden eingezogen hatten war ein Rätsel. Zum weiteren Freundeskreis zählten Schlawenzel und Jürgen F. aus Hilpoltstein, der bisexuelle Bernd K., gab sich bewusst tuntig (wahrscheinlich hat er uns damit aber nur an der Nase herumgeführt), war aber ein gefürchteter Streetfighter, sowie Thomas R. ein Organist und Komponist, der schon wie 50 aussah. Thomas R. war ein ätherisch anmutender Künstler, der wollte nicht zum Bund, wenn dann aber zum Heeresmusikkorps, seine Versetzung wurde aber zunächst abgelehnt, die Kirchenorgel sei nunmal kein Marschinstrument.
Am Nachmittag wurde uns das Bettenbauen beigebracht, die Reinigungsreviere wurden zugeteilt, wir bekamen den Gang 1. Stock mit zugehörigen Sanitärbereich. Wir hatten Glück, der Bau war noch nicht so alt, die Fliesen glatt, nicht geriffelt, der Parkettboden noch nicht abgetreten. Dreimal täglich musste alles gereinigt werden. Zu festen Zeiten. Nicht davor und nicht .... ein danach war nicht vorgesehen.
Wir wurden zum Abendessen geführt und wieder zurück, Zapfenstreich war um 2200, waschen und bis auf den Melder alle in die Heia,
“Panzergrenadier soundso meldet Stube 1.07 vollzählig anwesend 5 Mann in den Betten, Stube gereinigt und gelüftet. Stubendienst Panzergrenadier soundso”
Als ich im Bett lag, zählte ich langsam bis 456 und machte mir klar, dass das jedesmal ein Tag sein würde. Ich war verzweifelt.
Am nächsten Tag hatten wir weitere Einweisungen, ab Mittag warteten wir. Man munkelte davon, dass man evtl. schon am ersten Wochenende nach Hause dürfe.
Wir saßen rum, Türen gingen auf, knallten wieder zu, Schritte waren zu hören, hielten inne, wieder Schritte, Türen... was ging da blos draussen vor. Keiner von uns traute sich die Nase vor die Tür zu strecken. Dann:
Erster Zug Türen auf! Vor der Stube antreten, marsch!
Meine Herren, heute, ab 1500 Dienstschluss, Familienheimfahrt, Wochenendausgang bis Sonntag 2300. Wegtreten!

Wir auf die Stuben raus aus dem Trainingsanzug rein in die Klamotten und raus. Draussen dann der Schock.
Was soll den das! Ich glaub es geht los, hat ihnen jemand den Dienstschluss befohlen. Zurück auf die Stube und in 2 Minuten sehen wir uns wieder, aber nicht im Räuberzivil.
Also rein, umgezogen und wieder antreten.
Ich habe gute Lust sie alle das Wochenende dazulassen, ich habs gut gemeint, aber wenn das so unverschämt ausgenutzt wird... wegtreten.....
Und warten.... Man hörte wieder vereinzelt Türen, abundzu ein Gebrüll, aber man konnte nicht ausmachen um was es da ging, wir flüsterten. Dann die Tür flog auf.
AAAACHTUUUNG!!!! ......Weitermachen.
Die Tür geht wieder zu. Die kontrollierten tatsächlich, ob jemand schon wieder in zivil da saß. Glück gehabt.
Dann nach zwanzig Minuten bangem Wartens endlich:
Dieeeeenstschluuuuuuuusssss!!
Und ab nach Hause.

So oder zumindest so ähnlich spielte sich das ab. Es war krank.
Ich kam ziemlich verstört zuhause an, meine Mutter wollte mir nicht glauben, ich war absolut deprimiert. Ich ging mit meinen Freunden fort, meine Geschichten vom Bund interessierten keinen, da ich der einzige Wehrpflichtige war. Das war auch gut so, da die Bundeswehrler nur ein Thema kennen, und das kann nerven.
Am nächsten Tag wachte ich mit einem Brummschädel auf, etwas depressiv rumhängen, ein paar Bier und wieder pennen, Sonntag das Gepäck herrichten und gleich mitnehmen, wenn man um halbsechs mit den Freunden Pizzaessen geht.
Grad wenn es am schönsten ist muss man dann weg, alle anderen sitzen locker da, Rattl hat mich zum Bahnhof gefahren, mit dem Bummelzug und lauter Bundeswehrlern dann von Nürnberg nach Beratzhausen, gegen halbelf dann auf der Stube. Um halbsechs dann...
Koooooompaaaaaniiiieeeeee aufsteeeeeeeehn!!
Wir hassten das, später, wenn ich Dienst hatte und es selbst brüllte kam es einen schon leichter von den Lippen, Waschen, Frühstücken, Stube und Revier reinigen, und antreten. Ab in den Bus und nach Regensburg zur Standortverwaltung, wir wurden heute eingekleidet. Im Bus konnte man wenigstens noch etwas dösen. Aufpassen dass man nicht vom Sitz rutscht!
Die Ausrüstung war neu, bis auf die Filzlaus (Aussen Filz ohne Imprägnierung, innen durchsichtiger PVC) und den Wintermantel.
Es gab auch interessante, Gegenstände, zum Teil noch nie Gesehene. Das Taschenmesser wurde von den meisten favorisiert. Mir gefiel besonders die Blechschachtel mit dem wachsartigen Esbit, die man zu einer Kochgelegenheit aufklappen konnte. Auch das Feldbesteck fand ich praktisch. Bei der ABC-Schutzausrüstung fand man das sogenannte Dekontaminationspulver. Es roch wie ATA-Scheuerpulver. Es war als Rettungsmittel für den Fall eines Giftgasangriffes gedacht. Das war mir nun aber doch zu doof. Ich beschloss es im Ernstfall nicht zu verwenden, die halten einen wohl für absolut blöd. Bepudert wie ein Faschingskrapfen vor den Schöpfer zu treten, ohne mich. Ich stellte mir vor wie Gott seine Erzengel losschickte und sagte. “Bringt mir endlich den Drecksack, der das mit dem ATA-Scheuerpulver aufbracht hat”. Das erste Mal seit Tagen, war mir zum Lachen zumute. Ich döste aber lieber auf der Rückfahrt und variierte den Gedanken mit dem Scheuerpulver und den Erzengeln....
Am späten Nachmittag zeigte uns ein Ausbilder was das alles ist, wo im Spind oder Seesack es zu sein hat und wie es gefaltet, gelegt oder gehängt werden musste. Jedes Teil wurde auf die ihm eigens zugedachte Weise bedacht. Der an dessen Spind das gezeigt wurde hatte Glück gehabt. Die Hemden wurden sauberst auf DINA4 gefaltet, 2 cm hoch eins wies andere, damit die Frontseite ein schönes Bild gab, legten wir Pappstreifen in die Faltung. Die Schuhe geputzt, genauso wie die Ösen der Gürtel und der Schuhe........
Frauen wohl aufgemerkt! Wir reden nicht davon, aber wir können es, vielleicht parkt ihr besser ein, aber im Betten machen (bauen!), Hemden zusammenlegen, stopfen von Strümpfen, Putzen usw. schlagt ihr uns nie! Wir machen es nur später nie wieder, weil so etwas absolut krank ist.
Doch einen Ort der Anarchie gab es in jedem Spind. Auf der rechten Seite in der Mitte war ein ca. 25 mal 25 cm großes absperrbares Fach. Das Wertfach. Dort durften die Vorgesetzen nicht reinschauen. Alles vom Geld, Bier, Schnaps, schmutziger Wäsche bis zu vom Schimmel grüngefärbte Orangen befand sich darin. Ich fand das eine wunderbare Allegorie.
Die Stabsausbildung
Auf einer Drehscheibe aus Pappe waren alle Namen und die zugehörigen Reinigungsarbeiten angeordnet. Alles hatte seine Ordnung.
Nun wurden wir mit dem Stiefelputzen und dem Zuknöpfen schikaniert.
“Gucken Sie mal an sich runter.... ja! Sehn Sies, ihnen hat wohl jemand auf die Stiefel geschissen! Los machen Sie das weg! In zwei Minuten sehen wir uns wieder!”
“Ja fass ichs noch! Knöpfen Sie sofort die Brusttasche zu, die linke auch, wolln Sie sich eine Lungenentzündung holen.”
Öfter mal was Neues. Wir Stabler hatten den kleinen Dienstanzug zu tragen, gottseidank war Sommer befohlen, da brauchte man keine Jacke und das Hemd war kurzärmlig. Man sah für die “richtigen” Soldaten wie ein Weichei aus und wurde auch so behandelt.
Es gab ständig langweiligen Unterricht in Recht und Personalwesen, allgemeinen BW-Kram und, wenigstens brauchbar, einen Maschinenschreibkurs, der von einer Zivilkraft gehalten wurde. Was man in den Unterrichtseinheiten lernte hab ich in folgenden Links mal aufgezeigt. Man beachte mein schwindendes Interesse, das sich in der nachlassenden Konzentration erkennen lässt. Es gab hundertmal mehr so einen Kram und alles musste man lernen. War aber ein Klacks, die Prüfung auch nichts besonderes, aber man wurde in Angst versetzt. Es kursierten die eigenartigsten Gerüchte von Soldaten, die die Prüfung nicht geschafft hatten. Die müssten unter Druck mit der nächsten Lage alles nochmal nachmachen. 2-3 gäbe es immer... Komisch war, dass man nie so einen sah.... Hier zu den Bildern
Der überwiegende Teil von uns waren Franken, ein Schwung Pfälzer war dabei und ziemlich viele Schwaben, viele aus der Engstinger Gegend. Die waren zum Großteil rücksichtslose Hohlköpfe, die paar Oberbayern nur Hohlköpfe (Wenn ich an Knallkübel, diese Wassernixe denke....). Aber es gab nichts, was man nicht mit einer gefährlichen Körperverletzung aus der Welt schaffen konnte, das sollte ein Abbild der Gesellschaft sein? Wiederum fragte ich mich, Wo war ich da hingeraten?
Bei den Franken gab es auch einige Arschlöcher. Zwei Nürnberger, einer davon Kamerad Lettenburger, verarschten und quälten andere im Unterricht und kannten keine Grenze, wirklich keine. Als es mir mal zu bunt wurde kündigte ich ihnen an sie bei der nächsten Gelegenheit in die Luft zu sprengen. Sie fragten mich ob ich ihnen wohl drohen wolle. Ich stellte die Gegenfrage, ob ihnen wohl das erste Futur Indikativ in meiner Aussage entgangen wäre. Ihr Angstlachen wurde erst leiser, als ich begann mitzulachen. Da immer wieder jemand mal austickte, zog die Psychopathennummer am besten. Ich jedenfalls hatte einigermaßen meine Ruhe. Hätte ich sie Bernd K. oder Michael S. überlassen sollen? Die hätten sie bewusstlos gekickt nur um mir einen Gefallen zu tun.... naja vielleicht auch, weil es ihnen Spaß gemacht hätte. Am 12. gab es das erste Geld. 7,50 DM pro Tag, für Wochenende ohne Verpflegung gab es rückwirkend extra ein paar Mark, das zählte diese Monat noch nicht, aber ich hatte bar Kralle auf einmal 232,50 DM in der Hand. Soviel stand mir im Monat noch nie zur Verfügung, ich war mir sicher ich würde reich werden bei der Sache.
Bei den meisten aber lange Gesichter. Die hatten schon was verdient, oder als Abiturienten und Söhne reicher Väter bisher mehr Taschengeld und das war bei vielen während des Wehrdienstes ausgesetzt worden.

Volle Kanne Panzergrenadier

Zu Beginn der grünen Ausbildung wurden wir nochmals untersucht, in einem guten Gespräch, in dem ich meine Seelennöte schilderte, riet mir der Arzt, ebenfalls ein Wehrpflichtiger, ich solle täglich mindestens 3 Bier trinken, sonst würde ich das auf Dauer nicht packen. Das ist keine Lüge, so ist es passiert. Ich habe den Rat befolgt, auch später, vor allem in der Anfangszeit in der Stammeinheit, ging ich nach den Abendessen in die Kantine, besorgte mir 3-4 Bier trank Sie im 20 Minutentakt allein auf der Stube und ging ins Bett, viele kannten mich kaum.
War bei der Stabsausbildung der Morgensport die einzige Anstrengung, kam es jetzt knüppeldick.  Erst Grundkondition durch Morgensport dann Grünausbildung, das war besser als andersrum. Da konnten wir froh sein.
Ein Teil der Stuben wurde neu gruppiert, das lag an Ausfällen, Versetzungen und Spezialausbildungen, manchmal hatte das auch erzieherische Gründe. Umziehen mussten wir alle, den kleinen Dienstanzug und die Hemden feinsäuberlich in den Schrank, die würde man wohl jetzt seltener benötigen, und rein in das Grünzeug, und mit 100 mal geputzten Springerstiefeln vor dem Gebäude antreten.
Der Zugführer war Hauptfeld Huber, ein brüllendes cholerisches Wesen. In den wenigen Augenblicken, in denen ein Hauch Menschlichkeit an ihm zu erkennen war, kam er einem seltsam fremd vor. Die Gruppenführer hatten ebenfalls vor ihm Angst und gaben den Terror je nach charakterlicher Veranlagung weiter.
Hauptfeld Huber teilte die Gruppen ein, die Gruppenführer zu, sagte das übliche blablabla..... man könne sich an ihn wenden, er sei ein Mensch mit viel Geduld und Humor, aber schließlich habe ja alles Grenzen. Er hatte etwas vom Himmelstoß aus im “Westen nichts Neues” und einem Marines Drill-Seargent, das hatten aber wahrscheinlich alle in so einer Position. Beschweren durfte man sich, aber erst 24 Stunden später, und man müsse dann auch dazu stehen, mit allen Konsequenzen. Wir hatten verstanden, dass das Gelabere von Verweigerung rechtswidriger Befehle, Grundgesetz und Menschenwürde denen vorbehalten sei, die es verdienten. Ein Panzergrenadier ohne STAN-Prüfung war ein Nichts. Ich hatte das schon bei der Unterrichtung begriffen und damals notiert. (Bilder hier)
Falsch machen war ab nun dienstlich untersagt, zweimal falsch machen stand unter Strafe, wobei (die verbotene) Kollektivstrafe die Regel war und einem vor Augen führte, dass ein mitbestrafter Kamerad schlimmer war als jeder ideologisch verbrämte Feind.
Wir hatten wieder mal den Sanitärbereich als Revier, mit zugehörigem Flur.

Exemplarisch ein paar Auszüge, aber es gab dutzende von Unterichtseinheiten, im Unterrichtsraum, auf dem Rasen, im Gelände, mit zum Teil haarsträubendem Inhalt und überforderten uniformierten Papageien.

Die Formalausbildung:

Grüßen, Marschieren im Verband, links zwo drei vier..... ein Lied zwo drei vier. “Oh du schööhöhööööner Wehehesterwald, schmeisst den Spiess vom Mofa! Über deine Höhen pfeift der Wind so kalt.....”

Links schweeeeeeeeeehhhhhhheeeeeennkt MARSCH......

.GeeeeeraaaaadeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeAUS.

2. GruuuuuuuppppeeeeeeeeeeeeHALT.

Nach hinten wegtreten MARSCH!.... AAAACCCHHHHTTTUUUUUNNNNGGG!

SCHDÜÜÜÜLLgstandn!

Richteuch!

Augen geradeeeeeeeeeeeeeAUS.

Rührt euch!

SCHDÜÜÜÜLLgstandn!

Nach hinten wegtreten MARSCHMARSCH!!.. AAAACCCHHHHTTTUUUUUNNNNGGG!

In Reihe anGEtreten MarschMARSCH!

Was soll das, anGEtreten hab ich gesagt, ihr seid woll total bescheuert. Nochmal das ganze,

Nach hinten wegtreten MARSCHMARSCH!!.. AAAACCCHHHHTTTUUUUUNNNNGGG!

In Reihe anGEtreten MarschMARSCH!

Erstes Glied vortreten. Abteilung KEHRT. KEHRT! LINNKSUM! KEHRT! RECHTSUM! KEHRT!

Wie stehen Sie da, sie hamm Glück, dass sie den Sauhaufen nicht sehen müssen. Krumm wie wenn euch ein Bulle hingepisst hätte, Ich glaub ich spinne, Ja wollt ihr nicht, Soldaten, wenn ich rausbekomme, dass mich einer verarscht, dann üben wir dass bis morgen früh....

Auf die Wiese, MARSCHMARSCH!!! Panzergrenadier Maußner, das ist eine Pfütze nicht der Tegernsee, da kann man durch! STELLUNG!!!. Sprungauf MARSCHMARSCH!

AAAACCCHHHHTTTUUUUUNNNNGGG!

In Reihe anGEtreten MarschMARSCH!

Präsentiert das Geeeewweeehr.

Gewehr AB.

Gewehr ÜBER.

Undsoweiter und so fort, stundenlang mit Grüßen üben usw. Unvorstellbar. Dann ein paar mal auf die Stube und wieder vor dem Gebäude antreten oder anGEtreten, je nach Laune und jedesmal mussten die Stiefel blitzeblank sein, kein Stäubchen. Das war wohl nervig zu lesen, langweilig, wie, oder? Genauso wars, reiner Blödsinn. (siehe auch Bund-1)

Theoretischer Unterricht

  • die Panzerfaust
    der Unterricht wurde von einem StUffz gehalten SaZ 8, ohne Chance den Feldwebellehrgang zu schaffen. Wie der den Uffz geschafft hatte war keinem klar, die Vorgesetzten hüllten sich in Schweigen. Nach den 8 Jahren würde er entlassen werden, eine arme Sau. Der Stuffz war aus dem tiefsten Wald und ein sehr einfacher Mensch, oft aggressiv und ruppig, aber dem wurde wohl oft böse mitgespielt, auch von Seiten seiner Vorgesetzten. Er konnte sich kaum verständlich ausdrücken. Man merkte ihm an, dass er das Abhalten der Unterrichtseinheit als Strafe ansah. Wir wussten nicht, ober er vorgeführt wurde oder ob man ihm echt mal eine Chance geben wollte. Die Sicherheitsvorschriften, und das Zerlegen und Zusammenbauen der Panzerfaust beherrschte er, die Teile benannte er sicher. Wir konnten das zwar nicht beurteilen, aber der Offizier, der mitanwesend war schritt nicht ein, zunächst.... Auch schien er schon ein paar mal geschossen zu haben. Ich gebe den Vortrag wieder, wie ich ihn in Erinnerung habe, nicht wortgetreu, aber sehr nahe dran.
    “.....so etz hammers wieder zamm. Dou gitts ä leichte die 44ger und ä schwere, die 84 die CG. Mir hamm dou ä 44ger. Dou moumer genauso obachtgem vorn und hinten, sunst is aus, dou iss ämall anner verbrent dahinter, also bloss obacht sunst verbrenntst, verstandn?. Mir schäissn dou mit anner ÜB, also ich hob scho mít der richtigen, aber aufpassn! Verstandn? Aber mir schäissn dou mit der ÜB, des iss dann halb so wild. Dao kummt des AG44 zum Einsatz für die ÜB, damits wie in echt ist, dao väschäissst mer dann die ÜB, aber die Flattern, da is ärichtige schon wass anders, da hibts in Deckel, verstandn? Mir hamm aber blous die ÜB, Neecherpfeil sachd mer dou beim Bund, also unter uns...”
    Der Offizier schritt ein und fasste alles nochmal zusammen, der StUffz nickte betroffen, aber servil. Der Offizier glaubte alles korrigieren zu müssen, vor der Truppe (eine absolute Führungsschwäche), erzählte aber eigentlich den selben Mist, wie der StUffz, nur etwas beredter. Schiessen durften wir aber nicht, nicht mal mit den “Negerpfeilen”.
  • Wie verhalte ich mich bei einem ABC-Angriff
    Ich habe in der Schule zwar Physik in der 11. abgewählt, aber ich hatte mir privat doch einiges angelesen. Kernphysik sagte mir was, ich war als SciFi - Fan zumindest auf dem laufenden. Radioaktiver Zerfall, alpha, beta und Gammastrahlen waren keine fremden Begriffe. Dass es lange dauert bis endlich alles bei Blei oder Wismut landet, wusste ich. Chemie und Bio waren nicht nur Abiturfächer (15 und 12 Punkte) sondern lagen auch in meinem besonderen Interesse.
    Ich schicke das nur voraus, da ich, und das dürfte einigen so gegangen sein, das Maul halten musste als erzählt wurde, was man bei Nervengas, Gift, einen Atombombenabwurf in der weiteren und näheren Umgebung, einer Infizierung mit irgendwelchen Bakterien, alles machen müsse. Und am Schluß der Wunderheilungen kam immer der dumme Spruch “Auftrag weiter ausführen”. Das hatte ein bischen von dem “Duck und Cover” im Amerika der 50ger Jahre. So dämlich konnte man doch nicht sein.
    Die glaubten doch wirklich nicht, dass ein ABC-Krieg für irgendwen zu gewinnen sei, und wenn doch, warum sollten wir gewinnen?
    Wegen unserer überlegenen Hilfsmittel und Strategien? ATA-Scheuerpulver, einen Gummiponcho, Atropinspritzen, eine Faschingsmaske und Händewaschen nach dem Angriff? Ich stellte mir das mal so vor, wenn wir in Moskau einmarschieren würden. Bepudert, wie die Faschingskrapfen, mit Gasmasken und Poncho, vom Atropin die Pupillen sympathisch geweitet, am Wegrand der bolschewikische Feind. Ein Mann raunt seiner Frau zu, “also das muss man den Deutschen lassen, saubere Hände haben sie......”
    Das Wort Entwesen beeindruckte mich, am “Deutschen Entwesen soll die Welt genesen”. Mich machte dieser Schwachsinn krank. Hier ein paar Aufzeichnungen von damals, die für sich sprechen.

Schiessausbildung und Wandern

 

Der 6 km lange Eingewöhnungsmarsch wurde am späten Abend gemacht, einige bekamen davon schon Blasen, das neue Schuhwerk und die sauberen Wollsocken waren schnell als Ursache ausgemacht. Es kursierten verschiedene Geheimrezepte. Als absolut wirksam galt in die Stiefel zu pinkeln und mit ungewaschenen Socken zu marschieren. Ich machte es wie ich es von meinen Großeltern gelernt hatte. Ich lief am Wochenende durch die morgennassen Wiesen und klopfte mit dem Schumacherhammer und den Dreifuß meines Opas die Stellen weit und weicher, an denen ich Druck verspürte. Unter meine Wollsocken zog ich immer dünne Baumwollsocken an.
Blasenbekam ich nie.
Einmal pro Quartal gabs einen Leistungsmarsch, 20 KM, die man in mindestens 3 Stunden 20 Minuten schaffen musste, mit Gewehr und Marschgepäck versteht sich. Die Aktivisten und einige Zettler machten Dauerlauf, Christian H. und ich marschierten zügig in 3 Stunden, da konnte man sich sogar noch unterhalten.
Ein Höhepunkt war der Orientierungsmarsch. Für die beste Gruppe, alle Gruppenmitglieder mussten ankommen, wurde ein Tag Sonderurlaub ausgelobt. Unser Zug, insbesondere unsere Gruppe galten als Loser. Wir waren alle Abiturienten, einer mit Glasbausteinbrille (später erfuhr ich aus seinen Unterlagen, IQ von 150!), und galten als absolut überlebensuntüchtig. Man musste Karten einnorden, taktische Zeichen lesen, Gelände beobachten mit Kompass marschieren, wir (nur wir) navigierten sogar und fanden kürzere Verbindungen. Die gingen auf der Karte geradeaus und kreuzten ohne Rücksicht auf die Topographie direkt das Laabertal. Wie alle anderen nahmen wir beim Gebrauch des Kompasses alles Metall ab, maßen aber nicht unter einer Eisenbahnbrücke, wohin wir die Profis nach der ersten Station schickten.... Wir dachten wir wären die letzten, so wie uns prophezeit wurde. Christian und ich liefen locker im Dauerlauf mit dem Nachweis aller Stationen in die Kaserne ein. Dort war keine andere Gruppe zu sehen, also nochmal zu den anderen zurück, die Invaliden einsammeln und.... wir waren Erster. Die Favoriten kamen eine Stunde später an, einige wurden spätabends ausgemacht und mit den Fahrzeugen zurückgebracht. Das wir gewinnen würden war nicht vorgesehen. Der ausgelobte freie Tag für die Gewinner wurde daher natürlich gestrichen.
Mein Dienst an der Waffe dauerte ziemlich genau drei Wochen. Ich hatte zwar davor oder danach auch eine Waffe in der Hand, zum Teil mit scharfer Munition geladen, aber mit richtiger Munition hatte ich das letzte mal am 16. September geschossen. Die grünen Schreckschusskracher versauten mir zwar noch ab und zu den Lauf, aber maximal 2 Wochen länger. Ich drückte mich erfolgreich vor dem Schiessen, denn das ist kein Spass! Nach meiner Bundeswehrzeit habe ich keine Waffe mehr benutzt, nicht mal an einer Schießbude. Dass ich ein erbärmlicher Schütze war (nicht immer ohne Absicht) versteht sich. Ein kleiner Auszug aus meinem Schiessbuch.

Ein O bedeuted nicht erfüllt.

Im Keller befand sich die Waffenkammer. In ihr war ein HG SaZ 8 eingesperrt. Der hatte nicht mal den Lehrgang zum Uffz bestanden. Ein massiger ruhiger Kerl, sehr introvertiert, wenigstens verhielt er sich uns Rekruten gegenüber so. Es wurde gemunkelt, für den könne man nichts mehr machen.
Nach den acht Jahren sei der raus, Sozialhilfe vorprogrammiert.
Bis zu diesen Gerüchten aus dem Ausbilderkreis war mir an dem nichts besonderes aufgefallen. Nun fiel mir auf.... nein nicht dass er besonders dumm war, mir fiel auf, dass er von “Seinesgleichen” ausgegrenzt wurde.
Der HG gab die Waffen aus und sammelte sie wieder ein, ebenso Munition, auch wenn es nur die grünen oder blauen Patronen waren. Alles war aufs strengste formalisiert. Eine Waffe, die fehlte, das gab echt Schwierigkeiten. Es gab bei ihm auch das Material zum Putzen, Waffenöl und Dochte als Verbrauchsmaterial, die Reinigungskette als Bestandteil für die später benötigte Ausscheiderausrüstung.
Neben den Besen, Schrubbern und Schuhputzzeug ist das Waffenreinigungsset das meistbenutzte Handwerksgerät des Soldaten.
Ständig putzt und reinigt man irgendetwas. Meistens nochmal das eben Geputzte, Saubere, und dies mehrmals, bis die Nacht da war
Besonders gründlich musste die Waffe gereinigt werden. Sie war selten schmutzig. Außen war kein Problem, man passte ja auf, innen wurde die Waffe nur dreckig, wenn man schoß, mit scharfer oder blauer Munition war das selten, aber dann nicht zu vermeiden, mit der grünen Übungsmuniton war man öfter unterwegs, aber man brauchte ja keinen Schuß abzugeben.
Die Waffen wurden zerlegt, poliert, und wieder eingeölt. Durch den Lauf zog man mittels einer Gliederkette die sogenannten Dochte. Nahm man zu wenige blieben Pulverreste zwischen den Zügen des Laufes hängen, nahm man zuviel, musste sie der Ausbilder mittels Fettpresse entfernen. Das gab eine Riesensauerei, schwer wieder sauber zu bekommen. Die genau richtige Menge gab es offensichtlich nicht. Anschließend wurden die Waffen inspiziert, insbesondere der Verschluß und die Innenseite des Laufes. Das kleinste Stäubchen, geringste Variationen im Glanz wurden als Beleidigung und Hang zur Verwahrlosung  interpretiert und unter Gebrüll mit Nachreinigen geahndet. Das Nachreinigen bestand oft aus dem Auseinanderbauen, Nichtnochmalreinigen, und wieder zusammenbauen.
Danach wurde nochmal inspiziert, man erntete ein Knurren oder bekam vom Ausbilder gesagt, es ginge doch, es kotze ihn nur langsam an, daß er immer und immer wieder antreiben müsse. Damit sei nun Schluß, er könne auch anders, und wie, das würden wir morgen im Gelände sehen.

Wieviele Beine hat ein Schaf?

Der Truppenübungsplatz in Hemau lag zum Glück nicht weit von der Kaserne entfernt. Die Landschaft war sanft hügelig, es gab ein Panzerloch, dass immer mit Schlamm gefüllt war. Eine an Drähten gezogene Flugzeugshilouette diente als Übungsziel. Es gab Wäldchen, Schonungen, Hecken. Die weiten Wiesen wurden von den vierbeinigen Schafen kurzgehalten.
Überall Schafscheisse, oh wie ich das hasste.
An einer Stelle gab es das sogenannte Biotop. In einem großen, sumpfigen Tümpel schwamm eine Insel mit Bäumchen und Büschen. Umgestürzte Bäume trieben auf dem schwarzen mit Wasserlinsen bedeckten Wasser. Gewehr über Kopf drehte man eine Runde um die Insel. Ständig drohte man im sumpfigen Grund stecken zu bleiben, ein unachtsamer Schritt und man war in der moorigen Brühe versunken. An einer Stelle wurde zu Übungszwecken ein Seil gespannt. Auf dem Seil liegend zog man sich vorwärts über den Orkus zur Insel. Wer sich unter das Seil hängte, landete im Dreckwasser und konnte rüberwaten. Das grün der Insel bestand aus verfilztem Sumpfgräsern, alles feucht. Ehe man sichs versah steckte man mit einem Fuß bis zum Oberschenkel im Untergrund. Kniete man sich oder legte sich auf den Bauch war man sofort durchnäßt. Wir mussten uns tarnen und lagen bäuchlings auf der Insel. Der Feind betrat die Insel, es war spannend, nicht das Kriegsspiel, das war der übliche Quatsch. Es war die Insel! Sie lebte und bewegte sich. Unter den Tritten des Feindes geriet sie in Schwingung, mit dem ganzen Körper fühlte ich die wiegende Bewegung, ich lauschte den Stimmen und genoss wie mich die Insel sanft wiegte. Das hat mich wirklich beeindruckt.
Man lernte sich zu tarnen. Mit einem angekohlten Korken wurde das Gesicht geschwärzt. Wir saßen wie  die Floristinnen am Waldrand, und steckten Zweige und Gras in das Tarnnetz des Helms, Ikebana für Landser. Die Schützenmulde, die man sich im Liegen erst mittels Klappspaten ergraben musste, wurde auch mit Zweigen verbaut. “Die Blätter nach vorne zum Feind, Panzergrenadier, die hellen Blattunterseiten sieht man noch von Moskau aus, im Ernstfall hätten sie soeben ihr Grabgesteck gemacht!

Einschub Feindbild und Political Correctness

....Moskau.... Dazu muss man sagen, die Bundeswehr hatte kein Feindbild. Die Gegner, die von den Ausbildern gespielt wurden (Personenkontrolle, Gefangene usw.) hatten eigenartigerweise bei 30 Grad Pelzmützen mit rotem Stern auf, die Kleidung schaute ziemlich NVA-Grau aus. Im Sprachgebrauch gab es eine Offizielle Meinung und die Meinung bei der Truppe.

Ein haarsträubende Geschichte passierte mal im Gelände bei der Mittagspause. Einer der Rekruten machte einen sogenannten Judenwitz und wurde vom Gruppenführer schärfstens angegangen. Wir waren geschockt. Solche “Scherze” waren wohl nicht erlaubt.
Na wenigstens was. Der StUffz hatte das Gefühl etwas überzogen zu haben und erklärte, so was ginge nunmal nicht, Geschichte.... usw....., er habe sehr viel Humor und wollte das ganze etwas auflockern. Er erzählte Witze, nach fünf Minuten brachte er einen “Türkenwitz”. Es war nicht zu fassen. Das ging. Das war ein Einzelfall, sicher, sowas ist mir nur einmal aufgefallen, aber eine gewisse Blindheit auf dem rechten Auge war öfters bemerkbar. Ich traf später einen Neonazi, da war ich schon Ausscheider, den nannten sie Führer.
Meiner Meinung nach ein Psycho, mit so einem misstrauischen Gesichtsausdruck. Der war oft verdächtig still, aber abends lehrte er den Kameraden braune Lieder und Haßgesänge. Er hatte immer, auch im Dienst ein Rambomesser dabei, das er Andersdenkenden gerne an den Hals hielt. Das scherte keinen Vorgesetzten.

 und wieviel Beine hat nun so ein Schaf....

so, weiter mit der Geländeausbildung. Gewehr, Maschinengewehr und Pistole wurden tausendmal im Gelände zerlegt und wieder zusammengbaut. Die Jacke untergelegt, damit nichts schmutzig wird (bis auf die Jacke), am Tag mit und ohne Turnbeutel auf, und in der Nacht, alles blitzschnell. Immer wieder ABC-Alarm, Tasche auf, Maske auf, Poncho über, Handschuhe an, in einer halben Minute.
Das WIRD noch schneller gehen!

Am Waldrand liegend, gut getarnt, bekam jeder sein Sichtfeld zugeteilt. Schiessen durfte man nur auf Befehl. “Das muss wie ein Schuß klingen”. Wir bewegten uns in Schützenreihe und im Glied oder wie das heisst, lernten die taktischen Zeichen, stürmten von Hügeln und schossen im Laufen “Bei jedem zweiten Schritt auf dem linken Fuss...” und mussten dazu Hurra!! schreien. Das ganze machte man auch mit Gasmaske (....ich weiss, wie das heisst....) das war schon so schwer, mit Brille (Maskenbrille wie Beckmann in Draussen vor der Tür) bekam man nicht nur keine Luft, man war auch blind. Wo der grösste Dreck war, oder die Schafslatrine, brüllte der Ausbilder STELLUNG! IN TIEFSTER GANGART VORARBEITEN !!! Man war durchnässt und voller Schafscheiße, die man tief ins Gewebe massiert hatte. Die Schafe hielten wir für die dämlichsten Viecher. So ein Schaf konnte man hinten voll in den Arsch treten, vorne frass es ruhig weiter, maximal ein Bääääh!! war zu hören. Eigentlich waren wir genauso! Schaf sein ist eine Sache der Einstellung, nicht ob man Fell hat, zwei oder vier Beine. Damit ist alles gesagt!

Die StAN-Prüfung

Am Ende der Grundausbildung stand die Rekrutenprüfung, von den Vorgesetzten als StAN-Prüfung bezeichnet, vielleicht weil sie in der Stärke- und AusrüstungsNachweisung gefordert oder geregelt wurde. Wie bei der Bundeswehr nicht anders zu erwarten wurde nicht nur bis zum Umfallen geübt, man wurde auch angelogen, bzw. mit Legenden unter Druck gesetzt. Es habe im vorletzten Quartal zwei gegeben, die hätten die Prüfung nicht bestanden. Der eine hatte es wohl nicht ernst genommen, der hätte sie nachmachen müssen, ein ganzes Quartal grüne Ausbildung und hätte dann die Prüfung gerade mal so geschafft. Das Verfahren, ob er drei Monate nachdienen müsse, schwebe noch. Der andere hätte sich für besonders schlau gehalten und seine Kameraden ganz schön in Bedrängnis gebracht. Der hole die Prüfung in einer Strafeinheit(!) nach, irgendwo bei Kiel, Nachdienen klar, der scheide als Rekrut aus, ein viertel Jahr später, das hätte er sich aber selbst zuzuschreiben.
Die solle uns eine Warnung sein, und wenn man einen Kameraden kenne... den solle man mal beiseite nehmen. Kaspert einer bei einer Station rum, ... das falle doch sonst auf die ganze Gruppe zurück.

Jaja,... soso, ich glaubte das, mittlerweile, und ich denke die anderen auch. Die Ausbildung, das einseitige Informieren, der Drill hatten ihre Spuren hinterlassen. Man interessierte sich auch für kaum noch für was anderes. Die meisten, auch ich, hatten kein TV, hörten kaum Radio, lasen keine Zeitung. Unter der Woche bekam man ständig Befehle oder übte sich im angespannten Nichtstun, ein Nichtstun das die ganze Aufmerksamkeit forderte und unter Aufsicht stand. Um 2300 war sowieso Zapfenstreich. Es gab kein Handy, nur zwei Telefonzellen für 1000 Mann, und am Wochenende musste man das Leben nachholen. In der knappen Zeit von Freitag 17:00 bis Sonntag 22:00 Uhr, vorausgesetzt man hatte keinen Wochenenddienst, und den gabs mindestens einmal im Monat.
Daß Hennes Weisweiler gestorben war, erfuhr ich erst viel später....

Egal nun war Ende September und die Rekrutenprüfung stand an. Auswendiggelernt war alles, es ging raus auf den Truppenübungsplatz, wo verschiedene Stationen aufgebaut waren, an denen man sein soldatisches Geschick zeigen konnte. Man tarnte sich robbte vorwärts und rückwärts, achtete darauf, dass die Fersen nach innen geklappt waren, bezog Stellungen, machte sich ABC fertig unter 30 Sekunden, beantwortete Fragen, baute auseinander und wieder zusammen, alles halb so wild.  Gott waren wir froh. Am nächsten Tag beim Antreten gab es Lob von allen Seiten. Sogar Hauptfeld Huber gab sich als Mensch, schizophrene Gestalten waren das. Das Aufteilen auf die Stammeinheiten begann. Bei manchen war das anscheinend schon klar. Hatten die Beziehungen? “Wo kommst Du hin.... und Du”, so gings bei den meisten. “Nach Nürnberg, nach Roth”....”Glückspilz...... ich dachte, dass geht nicht.. heimatnah... doch Vater hat Firma.... herzkrank.... “ “nach Bogen, Pioniere....scheisse.....was denn wohn um die Ecke..... na dann viel Spass”. “Michael..... MICHAEL” “ja?” “ich hab dich gfragt, wo du hinkommst” “Regensburg, Stabskompanie, 4. Panzergrenadierdivision....” “Ja ich auch, der Schlawenzel auch, der Glucker und der Bernd vom andern Zug auch, ist doch ned schlecht, Regensburg” “Ja für dich bestimmt ned, Christian, du wirst bestimmt Heimschläfer.....” Heimschläfer war ein Zauberwort, man ging zum Bund, wie zur Arbeit. Das war fast Zivilist. Dass die das krasseste am Abend verpassten, machte denen wenig aus. Stuben und Reviere wurden nochmals ...... und mehrmals....... gereinigt und dann ab ins Wochenende. Danach Packen und über Beratzhausen nach Regensburg, die Stadt der Soldaten, Beamten und Studenten.

Zuvor noch ohne engeren Zusammenhang ein paar Episoden, die nicht in die Gliederung gepasst haben, aber doch verdienen erwähnt zu werden.

Episoden aus der Grundausbildung

Marschieren mit Josef

Josef war groß, ich klein. Beim Marschieren bedeutete das er war vorn und ich hinten. Vorn zu sein war nicht einfach, es bedeutete Verantwortung. Die Vorderen gaben die Geschwindigkeit vor und den Takt. Die erste Geige sozusagen. Manchmal waren vorne ganz schöne Arschgeigen dabei. Mit langen Beinen  neigt man sowieso dazu etwas schneller zu gehen. Die hinten, die mit kurzen Beine, ....ich und Leute wie ich, kamen da kaum nach. Beim Schwenken, egal ob links oder rechts, Gleichschritt oder ohne Tritt, musste man hinten wegen des weiteren Weges für die Außenlaufenden ganz schön rennen, das sah lustig aus und machte Storchenbein und seinen Freunden höllischen Spaß.

Josef war nie so, er war ein feiner Kerl, und das meine ich Ernst. Aber aufgrund seines Handicaps (s.o.) konnte er weder Gleichschritt halten, noch Geschwindigkeit und Takt vorgeben. Er marschierte also so, wie ein Geistesmensch durch die Stoa wandelt. Sehr zur Freude von uns. Die Ausbilder fanden das weniger lustig. Da er es aber nicht mit Absicht machte, konnten sie nichts dagegen unternehmen. Kamen andere, höhere Vorgesetzte, bestand ob dieser anarchischen Zustände, Erklärungsnot. Die Ausbilder bekamen jedesmal einen Anschiß, weitergeben war wenig hilfreich, denn umso mehr sich Josef bemühte, und er bemühte sich aufrichtig, umso weniger wollte es ihm gelingen. Er warf munter weiter alle aus dem Takt. Ob seiner Größe waren Tricks, wie ihn am Schluß marschieren zu lassen, schnell entlarvt. Die menschliche Qualität bei uns hinten steigerte sich durch die Anwesenheit von Josef aber enorm.
Als Ausbilder wäre ich in der Formation mitmarschiert und hätte Josef führen lassen. Das hätte der prima hingekriegt, und aufgefallen wären wir höchstens positiv. Auf solch pfiffige Ideen kamen die Ausbilder aber nicht.

Insubordination

Hierarchie und Anarchie schließen sich aus. Humor ist anarchisch, da er am sympathischsten wirkt, wenn er gegen die Richtung, in der sich in der Hierarchie die Macht ausbreitet,  ausgeübt wird. Der Dienst fürs Vaterland sieht Humor von unten nach oben nicht vor, da er dem Fluß von Befehl und Gehorsam entgegenwirkt. Wer Befehl und Gehorsam in Zweifel stellt ist aufmüpfig lehnt sich gegen die Vorgesetzten auf. Dies wird als unumstößliches Gesetz bis zur letzten Kugel verteidigt.

Das zivile Leben kennt die Hierarchie zwar auch, doch kann es sich nicht auf diese beschränken. Dort, wo es nicht um reinen Machterhalt geht, erkennt man schnell, dass die Besten und Fähigsten in den seltesten Fällen in der Hierarchie oben stehen. Die zivile Leben ist daher von unten nach oben durchlässiger, auch wenn der Niedergang unseres Landes vermuten lässt, dass dieser (durchaus auch profitable) Mechanismus von der kurzsichtigen und maßlosen Gier nach Macht und Gewinn außer Kraft gesetzt wurde.

Ich lege es nie auf Insubordination an, doch ich lasse keinen knackigen Spruch aus und wenn ich glaube mit meiner, anderen, Meinung der Sache zu dienen, dann tue ich sie nicht nur kund, sondern weiß sie zu vertreten. Wenn es um die Sache geht, ist eine Meinungsaustausch auf Augenhöhe fruchtbar, da pfeiff ich auf Hierarchie, das beste möge siegen! Die Entscheidung mag dann wieder auf hierarchischen Wege fallen. Leuten, die ob ihrer Minusfähigkeiten um ihre Position fürchten, mache ich mich natürlich verdächtig.

Es ist wohl klar, dass meine Einstellung für den Bund untragbar war.

Egal wer herumkasperte bei der Ausbildung, man hatte mich in Verdacht. Hatte PG Maußner einen Witz gemacht? Am Ende einen über mich? Warum lachen die und warum macht der so ein gelangweiltes Gesicht? Der lacht nicht mit, der ist bestimmt der Übeltäter.....

Einer der Hilfsausbilder ein OG UA hatte sehr schlecht Erfahrungen mit Rekruten gemacht, und diese Lage war noch schlimmer. Überwiegend Klugscheißer ohne Ahnung vom Leben, und dann noch 1-2 Jahre älter. Er hatte sicher recht, aber er hatte auch keine Erfahrung. Kein Fingerspitzengefühl. War nicht der hellste, null Führungsqualitäten, kannte sich mit der Ausrüstung auch nicht besser aus als wir.... Ist doch klar, der er war 19, ein halbes oder dreivierteljahr länger bei dem Verein und noch nicht mal Uffz. Da macht man einem doch keinen Vorwurf, solange er locker bleibt und keinen auf Arschloch macht.

Tja er hielt also die ABC-Ausbildung, freute sich, als einer Gasmaske sagte, und erklärte das ATA-Scheuerpulver und den Poncho, blablaaaa. Auf einmal Gelächter...... war mir egal, ich wollte meine Ruhe.

“Mit was haben Sie die Kameraden gerade belustigt, Panzergrenadier Maußner?”

“Mit nichts!

“Mit nichts, und was....”

“Mit nichts, ich hab gar nichts gesagt.....Herr Obergefreiter und Unteroffiziersanwärter mit bestandenen Lehrgang”

Sie verarschen mich nicht! Herr Panzergrenadier

“Nein, Herr Obergefreiter und Unteroffiziersanwärter mbL”

Herr OG UA reicht, verstanden!

“.....”

VERSTANDEN!

Jawoll Herr OG UA!

Ein paar kicherten weiter.

Wie die kleinen Mädchen, dachte ich mir, ich geriet langsam in Wut. Ich bekam natürlich auch für das Kichern Schuld und durfte zur Belohnung die Einzelteile der ABC-Schutzausrüstung erklären. Die anderen kicherten weiter. Beim Poncho benannte ich die Kapuze falsch, sagte Kopfteil statt Kopfstück oder umgekehrt. Ich weiß es immer noch nicht, weils es verdammt noch mal wurscht ist wie die Teile dieses dämlichen Faschingskostüms heißen. Egal, ich verwechselte jedenfalls die Begriffe, aus dem Kichern wurde ein leises Lachen.

Jetzt reicht es aber Herr Panzergrenadier, ich hab ihre Herumblödelei satt, sie verderben ja die ganze Gruppe!

Zugegeben, dass mit dem Verderben hat er wahrscheinlich nicht gesagt, ich hörte nämlich kaum noch zu, ich musste mich zusammenreissen, um ruhig zu bleiben. Nach dem Ende des Gebrülls sagte ich ziemlich laut.

Es war nicht meine Absicht es falsch zu sagen, und ich habe mir KEINEN SPASS erlaubt, mir ist das mehr als ernst!

“Gut dann erklären Sie noch mal den Poncho, Herr Panzergrenadier”

Ich erklärte den Poncho und schloss mit den Worten “und das da...” und zeigte auf die Kapuze “...heißt natürlich immer noch.....”

Es war keine Absicht, aber vor lauter richtigmachenwollen sagte ich wieder die falsche Bezeichnung. Zu einer Rechtfertigung kam es nicht mehr.

Barbie und ihre Schwestern prusteten los und machten sich vor Lachen ihre Höschen naß.

Der OG UA detonierte.

Dieser Befehl gilt nur für Panzergrenadier Maußner!!!”

ABC-Alarm!!!!!!!

Stellung, in tiefster Gangart vorarbeiten. 20 Liegestützen. Sprung auf Marsch marsch!!! EINE Runde um den Block. Marsch marsch!!”

So wurde ich ein paar mal um den Block gehetzt, unter der Maske bekam ich kaum Luft und hatte Erstickungsanfälle. Irgendwann lies er von mir ab, ich war zu geschwächt, um ihn zu töten.

Der Dienst war eh zu Ende und er lies wegtreten. Alle bis auf mich. Mir sagte er, ich solle mich in 10 Minuten vor seiner Stube melden.

Auf der Stube sagten sie mir dass ich gut war, dass ich übertrieben hätte, dass ich einfach die Gags drauf hätte, all so ein Mist. Ich sagte, ich hätte nichts gemacht, ich hätte mich nur 2 mal versprochen und vergessen mich zu denen zu stellen, die wegen jedem bischen dämlich lachten. Irgendwie waren sie enttäuscht, dass ich das nicht mit Absicht gemacht hatte. Ich setzte mein Barett auf und verlies die Stube, ich hatte noch einen Termin bei Ausbilder Himmelstoß.

“Melde mich wie befohlen, Herr OG UA”

“Ich spreche zu ihnen jetzt von Soldat zu Soldat, ganz offen, er sei wirklich .... aber so gehe es ja nicht, hat er das begriffen?”

“Ich habe nichts gemacht, Herr OG UA,”

“Ich hab sie gefragt, ob sie es begriffen haben!”

“Ich habe begriffen, dass sie keinen Wert auf Respekt legen und die Sache falsch sehen, Herr OG UA”

“Dann kann ich ihnen auch nicht helfen!”

“Ich bin nicht der, der hier Hilfe braucht”

“Wegtreten!”

Ein zwanzigjähriger und ein ein neunzehnjähriger. Wenig später wurde Stuffz Ebert unser Ausbilder. Ein unaufgeregter Mensch von vielleicht 25 Jahren. Der benützte keine große Gesten und wusste auch, wenn er weghören musste.

 

Entdecke das Tier im Grenadier

Wie ich schon erzählte waren die Mitkameraden auf unserer Stube anständige Kerle. Einer war etwas labiler als die anderen. Aus Unachtsamkeit wurde in ihm das Tier geweckt. Und die Verantwortung dafür trug ich.

Wenn der Soldat nicht gerade kämpft, übt er, ißt er, schläft er oder putzt er. Da schlafen oder essen zur Verweichlichung führen macht es nichts aus, wenn es mal ausfällt. Üben fordert auch den Ausbilder, wird also nur nach Dienstplan gemacht, was bleibt, als einzige Konstante im Soldatenleben, ist das putzen. Man kehrt den Kasernenhof, die Gänge, die Treppen, die Stuben. Wo es irgendwie möglich ist, wischt man naß, verwendet schärfste Reinigungsmittel (mit Ausnahme des ATA-Scheuerpulvers, das der ABC-Abwehr vorbehalten bleibt) und desinfiziert bis zum Hautablösen. Alles wird anschließend gefettet, geölt, eingecremt und gewachst. Es wird eingerieben, poliert und gebohnert. Alles was voll ist, muss geleert werden. Morgens, Mittags und Abends, nach Bedarf, und Bedarf besteht immer, auch öfters.

Dieser schon manisch betriebene Reinigungsfeldzug wird akribisch geplant. Jede Stube hat nicht nur die eigene Stube zu reinigen, nein auch ein ihr zugeteiltes Revier. Der Boden und die Treppe im Eingangsbereich gelten als schlechtes Revier, ebenso wie der Parkplatz mit den Kastanienbäumen, vor allem im Herbst. Die Treppe zum Jägerboden oder der Gang im obersten Stockwerk sind dagegen Reviere erster Wahl. Zum einen latschen nicht alle mit ihren Dreckstiefeln durch, zum anderen haben die Vorgesetzten auf dem Weg durch die Reviere schon soviele Soldaten rund gemacht, dass sie, oben angekommen, der Meinung sind, es sei nun genug für heute. Die Duschen und und Toiletten wurden zwiespältig betrachtet. Nein nicht weil sie eine anrüchige Sache waren, vollgekotzt war noch das geringste Übel! Sie waren im Normalfall  sogar leicht und schnell zu reinigen. Es war das Damoklesschwert, das ständig über einem schwebte. Sah man eine verschmutzte Treppe oder einen nicht gefegten Parkplatz noch als Schlamperei an, waren der kleinste Fleck auf der Toilette, eine Farbabweichung der Fliesen in der Dusche eine Riesensauerei, die aufs schärfste bestraft wurde. Obwohl die ganze Stube bestraft wurde, musste ein Verantwortlicher ausgemacht werden, das lenkt die Aggression der Bestraften nicht auf den Bestrafer sondern auf das arme Schwein, das das Revier so nachlässig gereinigt hatte.

Unsere Stube hatte neben einer Hälfte des Ganges auf dem ersten Stock auch die dazugehörigen Toiletten sauber zu halten. Wer gerade Stuben oder Revierdienst hatte konnte man dem Reinigungsdienstplan, der an der Innenseite der Stubentür angebracht war, entnehmen. Dieser Plan bestand aus zwei konzentrischen Pappkreisen, die mit einer Niete  in der Mitte verbunden waren. Auf den Scheiben standen unsere Namen, die Wochentage und Stube oder Revier. Man konnte auf einem Blick sehen wer gerade für welche Reinigung zuständig war. Nach den Mahlzeiten wurde man auf der Stube sicherheitshalber gefragt, ob man die Reinigung schon gemacht hatte. Das lag im Interesse aller, vor allem wegen der zu befürchtenden Strafen.

Eines Tages wurde Josef zum Spiess gerufen und tauchte zur Ausbildung nicht mehr auf. Gedanken machte man sich dabei nicht, sowas kam schon mal vor, irgend ein Sonderdienst, GvD ausgefallen, das gabs immer wieder mal. Aus irgendeinem Grund war ich nach Dienst etwa ca. eine halbe Stunde eher auf der Stube als die anderen. Dort traf ich auf Josef, der ziemlich gut gelaunt war. Ich fragte, wo er gewesen sei und nach dem Anlaß seiner Fröhlichkeit. Er antwortete “Du wirst es nicht glauben, die haben mich endlich ausgemustert!”. Ich war baff! Es war zwar allen ein Rätsel, warum sie Josef, trotz seines Handicaps eingezogen hatten, aber dass sie ihn während des Grundwehrdienstes ausmusterten.... damit rechnete doch keiner mehr. Ich freute mich absolut mit Josef, das war eine Sache, das musste gefeiert werden. Ich riss die Scheibe mit dem Reinigungsdienstplan von der Tür, ein Name war da jetzt überflüssig, da würden wir eine Neue brauchen. Das war für ihn jetzt ein für alle mal vorbei. Christian kam rein, sah mich etwas aufgedreht, er fragte mich, was ich mit der Scheibe wolle. “Josef rausschneiden. Der ist ausgemustert. Ab morgen wieder Zivilist.” Jubel! Die nächsten beiden trudelten ein. Die Sensation wurde gleich mitgeteilt. In meinem Leichtsinn kam mir in den Sinn den Oberfranken, der etwas zum Aufschneiden neigte, ein bischen auf den Arm zu nehmen, ich wusste auch schon wie! Das fand allgemeinen Anklang.

Als unser Opfer eintrudelte und er die Scheibe mit dem Reinigungsplan sah, wollte er sofort wissen was das sollte. Ich sagte “ Ich schneid mich raus, ich hab keine Lust mehr das Scheißhaus zu putzen”

“Quatsch” Ein etwas unsicheres Grinsen folgte.

“Nein, ich bin draussen, ab heute reinigt der mit den schwächsten Nerven!”

“Quatsch, des ist doch nicht dein Ernst”. Er suchte etwas in meinem Gesicht. Als er es nicht fand blickte er zu den anderen. Die drehten sich weg, spielten mit, er fand es auch dort nicht.

“Damit du siehst, wie ernst es mir ist, schneide ich meinen Namen raus.....” ....und schnitt den Namen von Josef aus der Scheibe..... Er drehte durch, das war zuviel für ihn, die anderen lachten, ich auch , aber er bekam das irgendwie nicht mehr mit. Er ging auf mich los, drängte mich ab, es gab verschiedene Wortwechsel, ich sagte

“Schau doch mal drauf auf die Scheibe, fällt dir was auf?”. Er blickte die Scheibe an, nahm aber nicht wahr, wer fehlte... Ich zeriss die Scheibe und schmiss sie in seine Richtung. Er zog sein Messer, tja und bedohte mich ziemlich heftig. Aus dem zivilisierten behüteten Bürschchen, das nie einen Verweis bekommen hatte, das sein Mofa nicht frisierte und in der Schule nicht abgeschrieben hatte, wurde ein Tier. Mir war etwas mulmig. Mehrere brüllten, es ist der Name von Josef, der rausgeschnitten wurde, hey Josef wird entlassen!!!!!
Keine Chance, der war mit Adrenalin vollgepumpt. Wie so oft, wenn man die Wahrheit sagt, wird die nicht geglaubt, und auch typisch für den Kerl, wenn er verarscht wird merkt er nichts, aber im umgekehrten Fall...... Nicht zu fassen!!!

Irgendwie haben die anderen ihn wieder runterbekommen. Es war eine sehr interessante Erfahrung, aber es tat mir leid. Ich glaube oftmals, dass andere doch ähnlich wie ich denken müssten. Genauso mit Worten austeilen und einstecken können. Ich lege gerne Leute mal herein und spiele mit den Worten, mit der Macht der Worte, lache aber auch, wenn ich mal gut verarscht wurde. Solange man jemanden nicht persönlich beleidigt, oder lächerlich macht, solange man es nicht aus niederen Beweggründen (Vorteil usw.) betreibt, glaubte ich, und glaub es immer noch, könne man ruhig mal ein bisschen draufpacken. Ich hatte diese Situation falsch eingeschätzt, und verpasst zu deeskalieren. Er war aber mehr von sich erschrocken als sauer auf mich. Zu so was war man also mittlerweile fähig. Er und ich......

Ach ja, wir haben uns wieder vertragen und Josef anständig verabschiedet.

“Präludium und Fuge in C-Moll” und “in dulce jubilo”

Thomas R., Spitzname Sprinter, war etwas eigenartig. Er fiel auf. Er fiel auf, weil er nicht zum Bund passte. Die wenigsten von uns passten zum Bund, aber fast alle arrangierten sich irgendwie mit der Situation. Oder rebellierten, oder weinten, drehten durch, schleimten, wurden straffällig, soffen sich krank, wurden apathisch. Sehr wenige machten nichts von alledem, und die fielen auf.

Sprinter war keine 1,70 groß, er wirkte viel älter als Anfang 20, vielleicht wie vierzig oder fünfzig, sein blondes, dünnes Haar unterstützten diesen Eindruck. Auf seinem Kopf wirkte das Haar schütter. Sein Gesicht, vielmehr seine Augen und die Nase erinnerten etwas an den Gesichtsausdruck eines weisen Uhus. Er war durch und durch Künstler, Musiker, Komponist. Wenn ich mich genauer zu erinnern versuche, kommt er mir mehr alterslos vor, etwas ätherisch, wie ein Genius, der sich nur teilweise auf unserer Existenzebene aufhielt. Und das einzige was ihn in unseren Niederungen hielt war die Musik.

Sprinter hatte sich aufgrund seiner Vorlieben zum Heeresmusikkorps 4  gemeldet, da das zum einen heimatnahe Stationierung versprach, zum anderen ihm die Chance geben konnte, sich noch intensiver seiner Musik und den Kompositionen zu widmen.

Was suchte solch ein Mensch beim Bund? Wer hatte den als tauglich gemustert? Wer steckte ihn zu den Panzergrenadieren? Wohl Menschen, die meinten, Bach wäre ein minderes Hindernis, das geordnet zu überqueren sei. Menschen, die Händel ausfechten und lieber Krieg als Griegk spielen.

Sie steckten ihn zu den Panzergrenadieren, da eine Kirchenorgel kein typisches Marschinstrument war. Dass ein Organist und Komponist unter Umständen zu feinsinnig für Kampfeinsätze sein könnte, kam anscheinend keinem in den Sinn.

Er gab aber sein bestes und war ein netter Bursche. Abends, wenn wir kickten oder Billigbier tranken, zog er sich zurück und komponierte seine Orgelstücke und Concerti. Gelegentlich ging er in den Ort oder nach Beratzhausen, suchte die Kirche auf und tat das für das er geschaffen war. Einmal zeigte er mir eine seiner Kompositionen. Ich kannte von der Schule her, wie Partituren aufgebaut waren, die Grundprinzipien wenigstens, bin aber sonst musikalisch unbedarft. Ich bin daher außerstande die Qualität zu beurteilen, aber die Legionen der Noten auf den Blättern waren beeindruckend aufmarschiert, die Kohorten und Manipel befanden sich im wilden Kampf, der General blickte zufrieden auf das Geschehen, gab sich aber sehr bescheiden. “Das ist alles nur eine kleine Übung, nichts besonderes...”

Eines Tages wurde seinem Versetzungsgesuch stattgegeben, er kam in den Stab des Heeresmusikkorps.