Die Galeere

Es gibt viele, die das Zeug zum Kapitän haben, nein, das ist falsch. Es gibt viele, die ein Schiff führen können, aber nur wenige haben das Zeug zum Kapitän.
Was muss ein Kapitän können? Ein Schiff führen? ::: Muss Er nicht. Navigieren? Macht der Navigator. Der Steuermann steuert, den Einsatz gibt der Admiral vor.
Jeder hat seine Aufgabe, und der Kapitän hat gewiss seine Kapitänsaufgabe und macht seine Kapitänssachen. Und … er hat Macht, … nein nicht über sein Schiff, über dessen Besatzung!
Was oft sehr unschön sein soll, angeblich besonders für den Kapitän.
Ich habe nicht das Zeug zum Kapitän, hat mir meine Mutter verboten, so was.
Sokrates, Epiktet und Jesus teilen die Meinung meiner Mutter. Zwischen mir und dem Kapitänsamt steht also eine moralische Phalanx, die zu überwinden mir einfach die Kraft fehlt. Ich nehme nicht eine ethisch hochwertige Position ein, vielmehr ist es ein Mangel, im besten Fall ein Mangel an Unmoral.
Wir Menschen haben verbotenerweise vom Baum der Erkenntnis gegessen, aber die Frucht scheint uns nicht sonderlich bekommen zu sein. Wir hätten diese Frucht erfassen, BEGREIFEN dürfen, aber wir haben sie gefressen. Nun liegt sie uns schwer im Magen, aber dies flaue, nagende Gefühl, das wir spüren, ist das Einzige, das uns hilft Gut von Böse zu unterscheiden..


Egal….. ich muss rudern.
Früher waren wir mehr unter Deck.
Es war Galeere,
TAMM …….…TAMM
aber erträglich
TAMM …….…TAMM
Wenn nicht alle ruderten
TAMM …….…TAMM
glich man das aus
TAMM …….…TAMM
Man saß mal innen,
TAMM …….…TAMM
Mal aussen,
TAMM …….…TAMM
Es glich sich ir gend wie aus.
Was? Innen … Aussen…..?
Das macht sehr wohl etwas aus.
Wir sitzen in Viererreihen.
Was? Innen …. Aussen? Das macht sehr wohl etwas aus! Wir sitzen in Viererreihen. Wer aussen sitzt, …. aussen am Ruder,
…. beim Mittelgang, der darf sich strecken!
Von wegen Hebelgesetz. Lange hält man das nicht aus, da heisst es durchwechseln, wenn man jemanden nicht verheizen will.
Aber jetzt….
TAMMTAMMTAMM
Sind wir weniger.
TAMMTAMMTAMM
Nun muss logischerweise.
TAMMTAMMTAMM
Die Schlagzahl erhöht werden
TAMMTAMMTAMM
Was heisst hier Logik? Wo der Ansatz schon falsch ist führt auch die Folgerichtigkeit zum Fehler. Tja, manche haben aber keine Lust sich mehr zu quälen, aber noch weniger haben sie Lust zum revolutionieren. Dem Kapitän gefällt das erste nicht, das letztere weis er aber gut zu nutzen. So setzt er diese Ruderer nach innen, damit sie sich nicht mehr so arg anstrengen müssen.
Sie können nun sogar nach draussen Blicken, durch die Ruderluke, aufs Meer.
Der Kapitän gibt ihnen sogar mehr zu essen, …. Das müssten doch alle verstehen, „Frischluft mache eben Appetit!“

Die Schritte, die Stimmen, die Schatten im grellen Licht der Decksluke, an Weihnachten gewinnen sie Gestalt. „Man sieht sich an Deck“, Weihnachten, „Schulterschluss unter Seeleuten“. „Man säße doch im gleichen Boot“ (Müsste das nicht im „selben“ heissen?).
„Oben sei auch nicht immer alles Gülden.“, „… das stelle man sich immer nur so vor…“

Ich lehne abseits an der Reling. Ich „sehe“ nun das Plätschern, dieses vertraute, verhasste Geräusch, ertragene Geräusch. Nun erkenne ich wieder seine wahre Gestalt und versöhne mich mit ihm, jedes Jahr.

Der Mond patscht in die See tausend Diamanten aus weissem Licht.
Ja, ja, ich sehe die andern Schiffe, und auch die Menschen, die zwischen ihnen im Meer treiben. Die haben auch mal gerudert, Mond, nun hat man sie von Bord geworfen.
Die, … und wir… täten uns leichter, wenn sie nicht dort schwämmen.
Der Kapitän sagt, sie versähen eine wichtige Aufgabe.
Ohne diese Leute im Meer liefen alle Schiffe auf Grund, es gäbe nur noch eine Hand breit Wasser unterm Kiel, und aus prinzipiellen, archimedischen Erwägungen, …. Auch wenn es linear betrachtet grausam aussehe, …. Wir hätten ihn doch verstanden, …. oder …. Wenn es nach ihm ginge … dann!!!
Ich weiss, dass es schon vor ihm so ging.

Mond, hörst Du überhaupt noch zu?
Interessiert dich das alles?
Nein …. Du hörst zu! Aber du bist stumm.
Ist das deine Strafe?
Ewig kreisend, ohne den Blick abwenden zu können. Alles sehen müssen, aber stumm ……
Luna, der Macht beraubt. Nur die Hunde kennen deine einstige Größe noch. Doch das ist dir nicht Trost.
Denn die sind sogar den Menschen treu.

Mond, du Kapitän der Nacht. Du ziehst deinen Weg über das Firmament, hagestolz und übersatt.
Und doch! …. Jeder noch so gering erscheinende Stern ist viel grösser und mächtiger als du.
Du Wicht! Die bist nicht mal der Hunde Wert, die dich anbellen.

Ich solle mitsingen, ich verstünde doch Spass. Mein Sopran wäre gefragt, sozusagen, hähä, und ein paar Grogs würden ohne mein Zutun nur sinnlos weggesoffen.
Alle sind beisammen, Kapitän, Offiziere, Mannschaften, und, Ruderer.
Wie Brüder, wahre Christen …. oder Moslems …. oder Hindus … oder irgend jemand.
Eigenartigerweise lässt sich das beim Feiern und Singen gar nicht so leicht unterscheiden.
Die Religion offenbart sich erst, wenn es darum geht, Wer, von Wem, mit welcher Rechtfertigung ermordet werden muss.

Ich singe mit. Ein „Berufener“ fuchtelt uns etwas vor. Es bringt uns nicht aus dem Takt.
Mein Blick wandert umher, rastet mal hier, mal dort, Menschen, ja alles Menschen, den göttlichen Funken in sich.
Mir dämmert, dass diese Weihnachtsfeier nicht für uns Ruderer gemacht wurde, sondern für sie!
Sich als Menschen zu fühlen, zum Mensch werden. Wie Gott an Weihnachten in Jesus zum Mensch wurde.
Doch Mensch werden ist leicht, schwer ist es Mensch zu bleiben.
Gefährlich, verderblich, bedarf der ständigen Überprüfung, sich erkennen, vor sich bestehen.

Ich vergesse das nicht. Ob sie sich daran wohl noch erinnern können, wenn ich morgen wieder auf der Ruderbank sitzen werde?
„Gnosi seauton!“ Der Spiegel, der unbenutzte. Er täte wirklich allen gut