Licht&Schatten

Prosa-LS

“Ich sag es Ihnen zum letzten Mal. Es ist zu Ende. Gehen Sie, gehen Sie doch endlich!”
Das gleissende Licht blendete seine Augen. Um ihn herum war Dunkel, nur durch den scharfen Kreis des Scheinwerferspots durchbrochen.
Er hob seinen rechten Arm, um seine Augen vor dem grellen Licht zu schützen. Er konnte nicht erkennen, woher diese Stimme kam.

“Heh!!”
Er machte kehrt und zuckte kurz vor seinem lauernden Schatten zusammen. Da war niemand.
Er wendete sich wieder dem Licht zu.

“Was ist zu Ende? Wer ?”
Seine Stimme hallte nach, Sie kam ihm so hohl und fremd vor. Er hielt den Atem an. Stille. Keine Antwort war dieser unheimlichen Stille abzuringen. Tief sog er die Luft ein.
War da nicht ein Lachen? So ein leises Lachen? Wieder hielt er den Atem an. Nichts. Wenn man im Dunklen in die Stille lauscht, spielen einem manchmal die Sinne einen Streich. Nein, Stille, nur sein Atem war zu hören.

“.......sssssst zu Ende.....
Wie geflüstert, ein Echo? Unmöglich ein Echo! Er holte tief Luft.
“Was ist zu Ende? Wer ist zu Ende?”

Da! Wieder! Da lachte doch jemand, machte sich über ihn lustig.
Er wußte es doch wirklich nicht. Er stand hier, auf abgetretenen Holzdielen. Er wußte nur um das Licht vor sich, und den Schatten hinter sich. Mehr nicht!
Mehr nicht?
Doch! Zwischen Licht und Schatten gab es ihn, und irgendwo da draussen war die Stimme.
Und diese Stimme schien noch mehr zu wissen. Irgendwer oder was war zu Ende.
Meinte der Rufer ihn. War das Stück zu Ende ? Aber so einfach war es nicht, er spürte, dass er nicht gehen durfte.
Er konnte die Bühne nicht verlassen, jedenfalls nicht bevor wusste, ob es wirklich zu Ende war.
Sein Kopf schmerzte ihn, wahrscheinlich das Licht.
“Hören Sie, machen Sie bitte dieses Licht aus, und das andere Licht an, das, das nicht nur mich beleuchtet, das andere, das die Welt in Farben zeigt, das macht an!”
.......

“Jetzt, wo alles zu Ende ist, bist nur Du, NUR DU, die Welt. Geh Du jetzt, bitte, damit alles endlich vorbei ist!”
Er lauschte hinaus, glaubte Schritte zu hören. Er drehte sich um die eigene Achse, um den Herkunftsort dieser Schritte ausmachen zu können. Dort musste doch auch der Rufer sein. Kamen sie näher? Lauter und leiser und lauter und leiser..... Bewegte sich dort etwas, stampfte dort einer auf der Stelle, lauter und leiser. Nein das gab doch keinen Sinn.

Da! Links, hörte man sie noch, geht der weg? War da noch,.... ja ein Trippeln von rechts?
Er wusste nicht.
Er drehte sich im Kreis, schneller und schneller, Licht und Schatten, die Wirklichkeit, auf dieses Wenige reduziert, die Geräusche, Schritte, ein Lachen oder? Er drehte sich schneller und schneller immer wieder. Schwindel ergriff ihn, er verlor das Gefühl für seinen Körper. Drehte er sich, oder die Welt? Es war als ob er ruhen würde und das alles da draussen drehte sich wie wahnsinnig um ihn, immer schneller, ohne Sinn und Ziel. Nur er in der Mitte.
Er stand still, er war der einzig ruhige Punkt in diesem irren Wirbel.
Er beobachtete leidenschaftslos, wie Licht und Dunkel sich ablösten, wie sinnlos war dieses Treiben, sie mussten doch immer wieder vorbeikommen und verschwanden,... und da wieder!
“Werdet ihr nicht müde” dachte er sich, “seht ihr nicht die Sinnlosigkeit eures Unterfangens ein?”.
Euphorie stieg in ihm hoch. Er lachte lauthals hinaus, und stürzte zu Boden.
Eine Weile noch drehte sich diese Welt um ihn, wurde langsamer und langsamer und schien letztendlich
das Interesse an ihm zu verlieren.

Da lag er nun. Ratlos. Er atmete einige mal tief ein und langsam aus. Er setzte sich auf und begann zum Licht zu sprechen.
“Wohin soll ich denn gehen, wenn ich nicht einmal weiß, woher ich gekommen bin? WIE ich hier her gekommen bin.” Nichts, Stille, Licht und Schatten, kalt und teilnahmslos.

War es Mut oder Trotz? War auch außen nichts, innen spürte er etwas. Keine Zuversicht, aber genauso betäubend. Eines dieser eitlen Gefühle, die keine Fragen zuliessen, die keine Angst kennen, die einen weitermachen lassen.
Nein, ER würde hierbleiben, das Warum war ihm egal! Vielleicht zeigte das Licht oder die Stimme ja irgendwann doch Erbarmen. Alles konnte doch nicht zu Ende sein. Solange er noch da war, war noch nicht alles vorbei. Er schrie dem Licht entgegen.

“Ich bin, Nichts ist vorbei. Ich bin erst am Anfang. Mich kannst Du nicht täuschen. Dein hinfälliges Geschwätz trifft mich nicht! Hörst Du! Ich denke, ich zweifle, ich existiere!
Ich falle und stehe wieder auf, ich atme, ich liebe, lebe, ja und ich irre mich, ich liebe es sogar mich zu irren, hörst du, ich liebe es, weil das alles heißt. Ich lebe! Und es heißt, dass eben nicht alles vorbei ist.....”


So laut und lange er auch schrie, er hinterließ nur Stille. Diese böse Stille. Nicht die Stille, die entsteht, wenn einem jemand zuhört.
Diese Stille lies ihn ohne Antwort zurück.
Er fühlte sich klein. Der Anflug, ob es nun Mut oder Trotz war, war vorbei. Der Zweifel ist ein Diener, kein Herr.
Wenn er nicht der Suche dient, wird er schnell zur Verzweiflung.

Was, wenn die Stimme recht hatte? Er wußte nicht, wie es angefangen hatte, wie die Situation entstanden ist. Warum war es zu Ende? Warum musste es enden? Wenn es nur durch sein gehen enden konnte, lag es nun in seiner Hand. Er hatte die Verantwortung, und wenn er es nicht enden ließ, und die Stimme sagte, es müsse nun endlich enden, dann war es seine Schuld, wenn es nicht enden konnte. Dann war er schuldig. Aber gehört zur Schuld nicht das Wissen darum. Kann man Schuld auf sich laden, ohne darum zu wissen? Er wurde immer verzweifelter.

Wenn ihm die Stimme nur erklären würde, warum.

“Ich verlange doch nur eine Antwort” schrie er dem Licht entgegen.
Gäbe ihm die Stimme eine Antwort, eine Erklärung, er würde dazu stehen. Er würde aufstehen und sagen. Ja, ich bin Schuld, richtet mich, richtet mich, damit alles zu Ende ist.
Ohne Antwort stand er allein, zwischen Licht und Schatten, er war schuld und durfte nicht gehen.